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Dienstag, 17. Mai 2011

Michela Murgia - Accabadora

Zufällig lag das Buch auf dem Sofa. Ein Ostergeschenk für meine Frau von ihrer Mutter. Ich hatte einmal eine begeisterte Besprechung von dem Buch im Radio gehört. Jetzt lag es da. Also nahm ich es in die Hand, lobte es und schlug die erste Seite auf. Die Lektüre hat meine Erwartungen nicht enttäuscht.

Accabadora, der erste Roman der Sardin Michela Murgia, erzählt von einer sagenumwobenen Frauenfigur des traditionellen Sardinien, die Sterbenden zum Tod und auch Kindern zur Geburt verhilft.Der Autorin gelingt es diese Frauenfigur in ihrer kurzen Erzählung Leben ein zu hauchen. Sie verknüpft das offene Geheimnis der alten kinderlosen Frau Bonaria Urai mit dem Schicksal des Mädchens Maria Listru. Die Bonaria nimmt das Kind bei sich auf als "fill'e anima", als "Herzenskind" - eine weitere Tradition des sardischen Volkes und eine Form der Adoption unter Einverständnis der beteiligten Familien - ganz ohne behördliche Formalitäten, die allein auf Zuneigung basiert. Das Kind wird im Hause der Bonaria erzogen und erhält für das Dorf Soreni eine überdurchschnittliche Schulerziehung. Aber sie erfährt nicht welches Ziel die seltenen aber wiederkehrenden, meist im Schutz der Nacht erfolgenden Gänge der Bonaria haben. Wir lesen wie das Kind erwachsen wird. Wir lesen wie Maria mit dem Wissen um das Geheimnis der Bonaria ringt und schließlich daran reift. Und der Leser wird mit der Frage konfrontiert, ob das Sterben, ähnlich wie die Geburt, einer helfenden Hand bedarf, eines Menschen, der die letzte Nabelschnur trennt, die den Sterbenden erlöst. Die Accabadora sagt an einer Stelle über sich: "Ich bin die letzte Mutter gewesen, die einige gesehen haben."

Die Accabadora handelt nicht ohne Ethik. Ihr Handeln setzt den Wunsch der Familie des sterbenden und und eine eingehende Prüfung der Accabadora voraus. Sie ist ihrem Gewissen und der Tradition Rechenschaft schuldig. Ihr Gegenspieler wäre der blasse Pfaffe des Ortes, wenn er nicht wüsste, dass er die Tradition der Sarden nicht durchbrechen kann. Das Aufeinandertreffen der beiden, der selbstbewusste Bonaria und dem demütigen Priester,  wird von einer besonderen unterschwelligen Spannung getragen.

In einer schönen Sprache beschreibt Michela Murgia sardische Sitten. Sie wirft dabei aktuelle Fragestellungen zu dem Themenkomplex der Sterbehilfe auf. Sie leuchtet aus in welchem Verhältnis die bäuerlichen Traditionen mit jenen der Kirche standen und entwirft das Panorama einer dörflichen Gesellschaft. All das ist mir großem Gewinn lesenswert.

Aus dem italienischen von Julika Brandestini, Verlag Klaus Wagenbach Berlin.


Dienstag, 19. April 2011

Bitte umblättern

Eine Empfehlung die ich gerne ausspreche. Den Umblätterer habe ich bereits rechts verlinkt. Auf seinem Blog steht viel Lesenswertes (unter anderem diese kleine Augenzwinkerei über Denis Schleck.).
Jetzt stellt er Lesenswertes vor. Das Projekt der 100 - Seiten Bücher hat seinen Anfang genommen. Eine Liste ist erstellt. Die Bücher, deren Versprechen es ist unter einhundert Seiten lang zu sein, werden nun abgearbeitet und vom Umblätterer rezensiert.

Montag, 18. April 2011

Dicke Eier

Es ist bald Ostern. Für die einen  Zeit den Frühling zu feiern oder eben die Auferstehung Christi. Wer dieser Wegmarke im Jahr seinen besonderen Stempel aufdrücken möchte, der kann ja etwas verschenken.

In diesem Jahr möchte ich meine Freunde, die das eh vorhatten und jene, die sich das diesmal vorgenommen haben, anregen genau das durch zu ziehen und dabei einen guten Freund von mir zu unterstützen. Mein Freund ist Buchhändler in Bönningstedt.


Die Buchhandlung hat er noch nicht lange, die Liebe zu den Büchern schon immer. Wir, mein Buchhändler und ich,  sind uns einig, dass ein guter Buchhändler mit Empfehlungen daher kommen und diese so aussprechen muss, dass der Kunde wirklich spürt, dass er genau das Buch, welches der Händler liebevoll mit der Hand umschließt, jenes ist, welches nur auf den einen Käufer im Regal gewartet hat.

Er liest - und da geht er mit seiner Liebe zur Literatur wesentlich weiter als ich - gerne auch englische Originale. Er liest Lyrik und versteht auch davon etwas. Und auch da geht er so weit, mir aus lauter Liebe zum Klang zur Poesie, Gedichte im italienischen Original vorzutragen - obwohl der Sinn sich ihm nur in der Übersetzung erschließt.

Allegria di naufragi      Ungaretti

E subito riprende
il viaggio
come
dopo il naufragio
un superstite
lupo di mare
Ich wünschte mir ihn in der Nähe zu haben, so ist das mit Freunden, aber er lebt unten im hohen Norden und ich hier tief im Süden, weitaus höher als er. So muss ich seine Expertise per Telefon und via Mail anfragen. Das ist nur unwesentlich komplizierter als bei Amazon. Es ist persönlicher. Gut, sein Internetauftritt ist bescheiden - er ist und bleibt ein analoges Arschloch. Aber immerhin findet man dort seine Telefonnummer, die Email-Adresse und die Anschrift.

spred the word



 Am liebsten wäre er Diktator des guten Geschmacks, aber er wird langsam weise.

Donnerstag, 14. April 2011

Haruki Murakami - Gefährliche Freundin

Ich muss kurz berichten, dass ich gerade wieder eine Lektüre abgeschlossen habe. Erfolgreich! Warum eigentlich erfolgreich? Vielleicht weil mich die Geschichte tief getroffen hat? Das hin und her der Erzählung an deren Ende man kaum noch weiß ob die Erfahrung der beschriebenen Liebesgeschichte real oder über die Realität hinaus weist. Jedenfalls bekommt man einen Blick auf die Welt geliefert, der komplexer ist, als die Sprache und der Satzbau zunächst vermuten lassen. Es ist wohl die große Kunst von Murakami, dass er in einer scheinbar lapidaren Sprache, die Geschichten wie beiläufig erzählt, vielleicht als Thekengespräch und immer mit einem Soundtrack für das geistige Ohr?

Diesmal habe ich "Gefährliche Freundin", btb, gelesen. "Naokos Lächeln", "Kafka am Strand" und seinen Läuferbericht (alle bei btb) habe ich bereits hinter mir. Natürlich hinke ich zeitlich wieder einmal weit hinterher. Der Hype ist vorbei, der Autor längst im Olymp. Dieses neue Buch, so mein Buchhändler enttäuscht. Murakumis Vexierspiel geht dort so weit, dass der Leser, in diesem Fall der Buchhändler, davon ausgeht M. habe das Buch ganz wirklich nicht selbst verfasst, wodurch aber auch die Qualität des Werkes deutlich leide. Aber so weit bin ich lange noch nicht: meine Liste der Bücher, die ich von ihm lesen möchte, reicht derzeit noch zurück und nicht in die Gegenwart (er hat bereits unglaublich viel produziert).

Die gefährliche Freundin reicht auch zurück, ist eine Erinnerung an die Kindheit des Helden, entführt ihn in seine Vergangenheit und droht ihn aus seiner gut laufenden Ehe heraus zu reißen, seinem beruflichen Erfolg mit zwei gut laufenden Cocktail-Bars und weg von seinen zwei kleinen Töchtern. Die femme fatal taucht irgendwann in einer seiner Bars auf und die beiden nehmen ihre Beziehung wieder auf. Mit zwölf Jahren waren sie ein bereits seltsames Paar. Zwei Einzelkinder in einer Welt, in denen Einzelkinder noch ein seltsames Phänomen waren, fühlten sie sich zueinander hingezogen und verloren sich dann wieder aus den Augen. Murakami erzählt den Werdegang des jungen Mannes, von seinen Enttäuschungen und Fehltritten, den Jahren unausgefüllter Einsamkeit, bis hin zu der Begegnung mit seiner Ehefrau. Und immer wieder taucht die Freundin als Erinnerung auf, als Vergleich, als Schemen und einmal sogar meint er sie in Tokio auf der Straße zu erkennen und folgt ihr.Sicherlich drängt sich zu jeder Zeit in dem Buch die Wahrnehmung auf, dass hier einer mit einem Phantom ringt, einer Besessenheit und ganz vielleicht sogar um die Überwindung der Pubertät. Vor dem Leser wird die Midlifekrise eines 37-40 Jährigen mal exemplarisch durch dekliniert.Vielleicht liegt deswegen die Kraft der Geschichte in ihrer wagen Realität. Am Ende kann der Held nicht mehr recht sagen, ob die scheinbar erlebte Liebesbeziehung zu der Kindheitsliebe tatsächlich auch geschehen ist.

Das Buch belohnt den Leser mit einer wunderschönen Liebesgeschichte und einigen Erkenntnissen über das Leben, die Wirklichkeit und über das wahrscheinlich  einige Zeit Warten. Und den Regen...


Donnerstag, 7. April 2011

Moby-Dick

Das Netz kann unglaublich ablenkend wirken. Wir Netzidioten können ein Lied davon singen. Mich hat eine Welle erfasst  (es muss gestern gewesen sein) und schließlich weit hinaus ins offene Meer getrieben hat, wo ich hart gegen den Schiffsrumpf eines Walfängers geschlagen bin und erst im nächsten Moment mein Glück begriff, dass ich einem der beachtenswerteren Webprojekte in den Schoß geschwemmt worden wardurch Zufall.

Eine echte Stöberseite ist Moby-Dick (TM), begonnen im August 2006 mit der Absicht die Lektüre des größten Wahlromans aller Zeiten zu begleiten. Drei Damen und ein Herr kommentieren da ihren Weg, so die Absichtserklärung von 2006. Wenn man dann aber den fliegenden Holländer entert, dann findet man einen unsäglichen Schatz verschiedenster Berichte und Interessen rund um das Thema Melville, Wale, Literatur, Schantigesänge, schöne Frauen. Im Header weist der Kapitän der Seite auf die Inhalte seines Beibootes auf Facebook hin, die sicherlich so auch für das Blog gelten kann:
Facebook-Group Moby-Dick™: Science, philosophy, fine arts, fun, the meaning of life, and lovely ladies since 2006.
Ab heute kann man über den Wortstamm rechter Hand  darauf zugreifen. Außerdem habe ich die vom Kapitän empfohlene deutsche Übersetzung auf meine Lesen wollen Liste gesetzt.

Freitag, 1. April 2011

Die Leiche

Den jungen Preisträger der Leipziger Buchmesse ist auf zehnseiten zu sehen und zu hören. Er trägt eine skurrile Geschichte vor über eine Frauenleiche und ihren scheinbar am Tode der Frau unbeteiligten Mann, der damit fertig werden muss, dass diese Frau, die Leiche (so auch der Titel der Geschichte), bei ihm in der Wohnung liegt.

Mir gefällt die Beschreibung des Teppichs am besten, dem der Autor eine wunderbare stoffliche Schwere verleiht, dass man mit dem Ich-Erzähler übereinstimmen möchte, dass es kaum angebracht sei die Leiche darunter zu verstecken.

Donnerstag, 31. März 2011

Entschuldigung

Liebe Frau Nucleus,

Wir haben unglaublich viele Bücher im Haus.
Mein Sohn hat mir gestern schon mitgeteilt, dass er das Buch "Rudi Rüssel" aus der Klassenbücherei nicht auffinden kann. Ich habe schon ein wenig mit ihm gesucht. Aber es kann durchaus sein, dass wir das Buch zwischendurch einfach weggeräumt haben und es sich jetzt ganz ruhig verhält, um seinem Schicksal zu entgehen.

Mit freundlichen Grüßen
Karl Gumbricht 31.03.2010+1

Dienstag, 29. März 2011

zehnseiten

Ich habe dieses Web-Schätzlein gefunden: zehnseiten
Darin wird konzentriert aus dem Werk der Autoren von ihnen selbst oder deren Übersetzer vorgelesen. Genau zehn Seiten. Ich habe mir vom gezähmten Wondratscheck aus seinem neuen Roman "Das Geschenk" vorlesen lassen. Die Seite ist was für Bibliophile. Sie vermittelt den Eindruck einen wertvollen Gegenstand in der Hand zu halten. Die Seite, schwarzer Grund, ist dreigeteilt. In der Mitte liest der Autor vor weißem Hintergrund, als wäre für ihn das Lesepult ausgeleuchtet, rechts davon Kann man zwischen der Liste der Autoren und ihrer Werke und der Information über das gerade geladene und vorgetragene Werk und dessen Autor umschalten, die dann links der Lesung erscheinen. Das ist alles ganz schön in Szene gesetzt. Ich habe zehnseiten am rechten Rand unter "Wortfamilie" verlinkt.

Montag, 28. März 2011

Der Kumpel

 Diesen kleinen Fund habe ich wie einen Schatz gehoben. Hier unten im ländlichen Raum wird Papier dezentral in großen Containern gesammelt. Man steigt auf ein kleine Stahltribühne und wirft von oben sein Mischpapier auf das der Nachbarn und Mitbürger. Aus dem Augenwinkel, mit ungenauer Aufmerksamkeit, erspähte ich das Cover eines Taschenbuches in dem Wust aus Papieren und Zeitschriften. Als erstes sprang mir der Verlag "rororo" in die Augen und die klassische beige Farbe dieser Reihe. In großen Lettern über dem Titelbild der Autor: John Updike! Muss ich haben! In der Nachlese, nachdem ich mit einem langen Stab das Buch aus dem Meer vermischter Druckmittel gefischt habe, stelle ich den Titel fest: Amerikaner und andere Menschen/ Essays. Passt wunderbar in meine Absicht mich diesem Autor endlich mal 
zu zuwenden. Und dann habe ich den ersten Essay aus der 
Sammlung "Interviews mit zu wenig berühmten Amerikanern
gelesen. Daraus widme ich dieses Zitat meinem Freund.

Der Kumpel ist wie Nebel, wie eine Pfütze. Seinetwegen läuft der Rückspiegel an, er ist das dankbar hinuntergeschüttete Glas Wasser am Spülbecken in der Küche. Wie auf dem Meer gibt es einen Horizont der Melancholie, der zurückweicht und nicht überfahren werden kann, auch wenn man tagelang in hartnäckigem Schweigen segelt, während die Takelage knarrt, die Wellen gegen den Bug klatschen und eine einzelne Möwe vom Heck abhebt. Seine Schönheit besteht darin, dass er diesen Horizont in einem eröffnet. Denn wenn er dein Kumpel ist, bist du seiner. Die männliche Wüste in uns grenzt an die seine. Er ist eine Fata Morgana.



Donnerstag, 24. März 2011

Stèphane Hessel - Empört Euch!

Habe gerade das Manifest von Stèphane Hessel: Empört Euch! gelesen. Mein Freund, der Buchhändler hatte es kommentiert und ich kann ihm letztlich recht geben. Seine Stärke liegt im griffigen Titel. Analytisch ist da nichts neu. Interessant ist es den Text als empörten Rückblick  hinsichtlich der Ziele dieses überaus engagierten Weltbürgers zu lesen.

Je ne suis pas d'accord mit Hessels in dem Absatz über Israel, speziell seiner Darstellung der Hamas und dem unterschwelligen Terrorismusverständnis, welches er im folgenden Absatz freilich relativiert, indem er den Weg der Gewaltlosigkeit einfordert. Zwar bezweifelt er den Nutzen der Raketen auf  Sderot, lässt sich aber zu der (in dieser Sache) etwas zu Verständnisvollen Aussage hinreißen:
"Es ist der Sache der Hamas abträglich, aber angesichts der Verzweiflung der Menschen im Gaza-Streifen leider verständlich. In der Verzweiflung ist Gewalt ein bedauerlicher Kurzschluss zur Beendigung einer für die Betroffenen unerträglichen Situation." 
So what? Das gilt für die Israelis auch. Keine gute Überleitung zu (später im Text):
"Wir müssen begreifen, dass Gewalt von Hoffnung nichts wissen will. Die Hoffnung ist ihr vorzuziehen - die Hoffnung auf Gewaltlosigkeit."
Am Ende bleibt dann doch, nachdem man das Büchlein beiseite gelegt hat, die Bewunderung die man dem 93-Jährigen für sein nicht abbrechendes Engagement für eine bürgerliche Partizipation entgegenbringt.
"Den "Ohne mich"-Typen ist eines der absolut konstitutiven Merkmale des Menschen abhanden gekommen: die Fähigkeit zur Empörung und damit zum Engagement."

Links zum Thema:



Jonathan Franzen - Freiheit

Gelesen habe ich um den Jahreswechsel herum "Freiheit" von Jonathan Franzen. Wie meinem Vater, dem ich das Buch zu Weihnachten schenkte, so war auch ich begeistert von Pattys Lebensbeichte. Wie er finde ich die Präzision der Beschreibung der Persönlichkeiten großartig. Wie er genieße ich diesen subtilen Wechsel der Sprache, je nach Perspektive der Erzählung. Und wie er empfand ich den zweiten Teil des Buches ungleich schwächer als den ersten. Was Pattys Sohn umtreibt interessiert mich nicht so sehr. Als Gegenspieler zum Vater finde ich die Figur aber gelungen. Allerdings bleibt er blass gegenüber Patty, dem Rockstar und Walter. Diese drei umkreisen die eigentliche Problematik bedingter Bindungen und Beziehungen, die ausweglos erscheinen

Franzen, so wie Roth und die anderen Amerikaner, schreiben in Cinemascope.

Mein Freund, der Buchhändler fand das Buch nicht so gut. Vielleicht eine Drei. Aber eine Drei bei Frantzen ist immer noch lesenswert. War es Dennis Scheck, der über den Roman "Demütigung" von Philip Roth sagte: "Ein schlechter Roth ist immer noch ein gutes Buch!"?



Mittwoch, 23. März 2011

Philip K. Dick - Marsianischer Zeitsturz

Die Geschichte die Philip K. Dick da erzählt, ist schnell zusammengefasst:

Die Erde ist gnadenlos überbevölkert. Die Besiedelung des Marses wird von dort aus betrieben. Die Menschheit hat zu dem mit der Last weit verbreiteter psychotischer Störungen zu kämpfen. Unter diese Störungen fallen unter anderen der Autismus, aber auch genetische Defekte werden von der Gesellschaft isoliert. Die Siedlungen des Mars sollen davon frei bleiben. Dennoch sind auch auf dem Mars Menschen von psychischen Krankheiten und leichteren Neurosen geplagt. Und es werden Kinder geboren, die auf die eine oder andere Art abnorm sind und Autisten sind auch unter ihnen. Sie werden in einer Pflegeanstalt betreut.

Diese psychischen Störungen, so wirft eine Theorie in dem Buch auf, verändern in einer Weise die Zeitwirklichkeit, dass es möglich wird Vergangenheit und Zukunft zu manipulieren. Oder so. Jedenfalls ändert diese Tatsache das vormals abnorme in eine besondere Gabe, derer sich ein geschäftstüchtiger Politiker bedienen möchte um ein profanes, aber lukratives Geschäft zu seinen Gunsten abwickeln zu können.

Nebenher lässt K. Dick sein Personal über Wirklichkeit, Norm und die Gesellschaft nachdenken. Das ist recht interessant und, wenn man bedenkt, wann der Roman geschrieben wurde, ziemlich visionär. Wie oft bei guter SF fühlt man sich während des Lesens bald schon überholt, selbst wenn die Technikversprechen der Vergangenheit noch nicht erfüllt sein sollten. Dies gilt bei Dick vor allem für die Fragestellung hinsichtlich des Umgangs der Gesellschaft mit der nicht normierbaren Existenz des Menschen, die eben auch Behinderungen für das Leben bereit hält und sich in verschiedensten Formen manifestiert. Die PID-Debatte nimmt er in diesem Sinne vorweg. Jedenfalls  kann man das Buch so lesen und den Wunsch jener Gesellschaft, sich der als Krankheit und Hindernis und Kostenfaktor empfundenen Nicht-Normierbaren zu entledigen, als Analogie zu der heutigen Debatte sehen.

Die Personen wirken eher eindimensional. Sie tragen die Fragen die der Autor in seiner Geschichte entwickelt und wirken dabei aber etwas stereotyp, nicht sehr lebhaft, obwohl Dick es versteht die Motivation der Handelnden glaubhaft heraus zu arbeiten. Beeindruckend allerdings sind jene Szenen, in denen sich Dick darin versucht die Erlebniswelt und Wirklichkeit der psychotischen Charaktere nach zu vollziehen.

Der Roman ist in der 2005 in einer Philip-K.Dick Taschenbuch-Edition im Heyne-Verlag erschienen, in schönem blauen Nadelstreifen. Laut Amazon scheint das Buch in der Form nur noch antiquarisch auffindbar zu sein. Es gibt jetzt bei Heyne wohl auch einen Sammelband mit dieser Story und der Vorlage zu Blade Runner, eine Geschichte, die ursprünglich Träumen Robotor von elektrischen Schafen hieß und dem Roman Ubik. Wie auch immer.  Mein Buchhändler wird sicherlich die ein oder andere Ausgabe für den Leser auffinden können. Immerhin hat er auch antiquarisches zu bieten.

Diese Buch war kurzweilig. Es ist niederschwellige Literatur mit hochwertiger Fragestellung. Ich kann es empfehlen. Jetzt freue ich mich schon auf Ubik. Mein Buchhändler hat es mir erst neulich geschickt.

weiterführende Links:

sf-fan über Philip K. Dick


Samstag, 19. März 2011

Unter dieser furchterregenden Sonne

 Im Kunstmann Verlag erschienen, bin ich auf diesen kurzen Roman des Argentiniers Carlos Busqued in der ZEIT  aufmerksam geworden. Steht auf irgendeiner Short-List zur anstehenden Buchmesse. Mich hat das abgebildete Cover angemacht. Und der Titel.

Duartes sagt an einer Stelle im Roman: "..., es ist interessant zu sehen, wie weit ein Mensch gehen kann, oder was er alles mit sich machen lässt." Das liest sich jetzt, wo ich noch nicht ganz an das Ende des Buches gelangt bin wie das Konzept der Versuchs-anordnung die Busqued für seine Helden, den ewig bekifften Looser Cetarti, der sich von Duarte ausnehmen lässt, nichts selbst in die Hand nimmt, sondern alles nur geschehen lässt - auch mit sich selbst - und ständig Discovery Channel schaut, bereit hält.

Es ist ein außerordentlich hartes Buch. Sehr gut verknappt in seiner Erzählweise. Von Satz zu Satz und Szene zu Szene über meist nicht mehr als drei Seiten entwickelt sich hier eine trübe, beängstigende Welt. Bereits erlebt habe ich die verschwommene, weil bekiffte Wahrnehmung Cetartis, wie er seine Mutter und seinen Bruder in einer ungekühlten Leichenhalle identifizieren muss - ermordet von Lebensgefährten der Mutter, der sich dann selber richtet. Mit Cetrati musste ich mir die brutalen Darstellungen furchtbarster Pornographie über mich ergehen lassen, die er auf einem Video beim Modellflugzeug bauenden Duarte zu sehen bekommt (worauf auch der oben erwähnte Satz fällt) und schließlich abstellt (so bleibt wenigstens etwas Sympathie für den Helden erhalten).In meinem Kopf ist Cetarti mit Johnny Depp besetzt. Duarte wäre hervorragend mit Dennis Hopper besetzt. Und Lapachito, der Ort wo seine Familie stirbt und der Dreckskerl Duarte seine Geschäfte mit dem Jüngling Danielito macht ist eine Landschaft aus Mad-Max.

Bei aller Härte, nichts erscheint überflüssig bis hierher. Das wäre ja auch eine Schande bei nur 189 Seiten. [15.03.2011]

Zum Kauf des Buches kann ich empfehlen meinen persönlichen Buchhändler zu kontaktieren.

***
Ich habe das Buch heute fertig gelesen. Heute erst, weil mich das Erdbeben und die folgenden Katastrophen von meiner Lektüre abhielten. Dabei ist es ein schmales Bändchen. Es ist eine Gangstergeschichte. Die Handlung und die Gangster werden derart beiläufig erläutert und durch überraschende, weil kaum merkliche Wechsel der Perspektive ausgeleuchtet, dass man oft erst nach der Sequenz begreift was gerade geschehen ist. Busqued hat mit seiner Sprache ein retardierendes Moment erzeugt, was dem Leser selbst empfinden lässt, er sei dauerhaft stoned. So wie die unschönen Helden dieses Buches. [update]

Und ich bleibe dabei:  Kaufen!