Dienstag, 5. April 2011

Das Netz der Gläubigen

Mich berührt das Netz und seine Akteure zunehmend unangenehm, gleichwohl ich neuerdings wieder das Bloggen begonnen habe. Da stellt sich wohl die Frage, ob es überhaupt Sinn macht dies weiter zu betreiben, aber ich will das mal aushalten. Die Frage ist ja, mit welcher Agenda man in den Ring steigt. Mit den sich weit streuenden Agenden habe ich so meine Schwierigkeiten.

Ich gebe zu, dass ich manchmal, nicht selten, den einen oder anderen Blog lese der dezidiert konservativ ist. Was immer das heißt. Ich denke da an ein paar katholische Blogs, die sich zu einer Blogozese zusammengefunden haben und sehr frech das Medium Internet nutzen. Hier finde ich mitunter interessante Sichtweisen auf die Welt und den Glauben, erlebe aber auch eine Form der Abschottung, die es wohl nicht gebe, wenn man gemeinsam an einem Tisch, bei einem Gläschen Wein säße, anstatt sich über das Internet Standpunkte um die Ohren zu hauen. Außerdem ist es schädlich nur Dinge zu lesen, die einen in seinem eigenen Denken bestätigen. Das führt letztlich zu Größenwahn.

Ich lese auch, wenn ich besonderen Ärger in mir auslösen will das unsägliche Nachrichtenforum (aus Österreich) kath.net. Gerade das letztere ist wie eine fortdauernde Bestätigung meiner Haltung gegenüber der Kirche, bzw. ihrer Hirten und Lämmer, dabei weiß ich wohl, dass die Kirche und ihre Gemeinden weit aus mehr Personal bereit hält, als nur jene, die auf kath.net schreiben und kommentieren (weswegen ich dann auch in der Blogzese lese). Wundersames Beispiel für einen politisierten Hirten gibt der Bischof Andreas Laun mit seiner Kollumne "Klartext". Dies sind Wortmeldungen, die meist das Thema Sexualität, Sexualmoral, Sexualunterricht, Sexaufklärung und Sexirgendwas und HomoSex und EheSex und so weiter zum Thema haben. Dabei prangert er immer wieder die relativistische Gesellschaft und ihre Medien an, vergleicht den deutschen Staat mit totalitären Diktaturen, weil sie Eltern im Schulunterricht ihre (68er-) Sexualerziehung aufzwinge etc. pp. Es sei dieser Unterricht, der die Menschen vom Glauben abbringe, so Laun in seinem letzten Klartext. Da ich die Passage dazu nicht wirklich verstanden habe (immerhin hat Laun auch Philosophie studiert und ist Professor, weswegen so ein Klartext mich durchaus auch irritieren kann) zitiere ich sie hier in voller Länge. Viellicht kann jemand anderes etwas damit anfangen:
Aber die eigentliche Sexual-Erziehung gehört wesentlich zu den Rechten der Eltern und nicht in die Zuständigkeit des Staates. Vor allem aber: Der Staat begeht einen „sexuellen Missbrauch“ der eigenen Art, wenn er die Unmoral der sexuellen Revolution mit den Mitteln seines Gewaltmonopols den Kindern aufzudrängen sucht! Es ist zudem auch ein Eingriff in die Religionsfreiheit, weil Kinder, die diese „Erziehung“ durchlaufen, für die Botschaft des Evangeliums nur noch schwer zugänglich sind! Dass auch hier gilt, dass die Gnade Gottes stärker ist als die Mächte des Bösen, ist zwar wahr, aber keine Entschuldigung für Verführung oder Gewähren lassen der Verführung!

Es ist wirklich tragisch: Angesichts dieser skandalösen Manipulationen und der Verführung, die im Namen der „Sexualerziehung“ im Umlauf sind, regen sich nur wenig und nur schwacher Widerspruch und Widerstand!
Mit anderen Worten. Launs Glaube sieht in der Verführung die Ursache für den Unglauben in dieser Zeit. Verführung durch Bildung? Mag sein, dann ist der Glaube aber eine Schwache Kraft.
Was aber Laun auch betreibe, wenn es denn mehrere seiner Sorte in den kirchlichen Kreisen geben würde, ist ein Abschied auf Raten aus der deutschsprachigen Gesellschaft und ihrem politischen System.Seine Argumente zielen immer wieder auf den Staat, den er mit Diktaturen gleich setzt (wie schon beschrieben) und zudem Abtreibung mit Genozid vergleicht. (Sein gutes Recht, macht aber seine Aussagen nicht stringenter sondern unterwandert seine Anliegen letztlich, bleibt er doch nur noch mit jenen Claqueren im Gespräch die nicht erreichen bräuchte: Insofern stellt sich der Klartext bei genauerer Betrachtung als Druchhalterede dar, die ausschließlich nach Innen gerichtet ist; die so etwas wie den harten Kern bedient, Menschen, die sich längst von der Gesellschaft abgewandt haben und zu so einer Art Truppe der Gerechten geworden ist, die ähnlich den Zeugen Jehovas, Islamisten oder den Scientologen alles ablehnen (nicht kritisieren) was unser Staatssystem ausmacht. nochmal Laun: "Mit bestimmten Leuten zu streiten, ist wohl fruchtlos,...")

Kommentare:

  1. Ein eher allgemeiner Kommentar (losgelöst von der Causa "kath.net"). Das "Netz" verstärkt meines Erachtens die Kommunikation mit Gleichgesinnten und die Ausblendung all dessen, was man als unangenehm, störend oder gar falsch empfindet. Ich verwende ausdrücklich die Formulierung "verstärkt", denn insgeheim betreibt man diese Auslese ja in "real life" auch. Wer setzt sich schon als Grüner an einen FDP-Stammtisch? Wer unterhält sich länger als unbedingt nötig mit einem Verfechter der Todesstrafe, wenn man selber eher für AI ist? Und welcher Schalke-Fan versucht einen fruchtbaren Dialog mit einem Borussia-Dortmund-Freund?

    Diese Entwicklung wird durch die Überproduktion im Netz noch verstärkt. Man ist kaum noch in der Lage all die interessanten Artikel und Gedanken derer zu sichten, die man schätzt - wie soll dies dann noch mit abseitigen oder abweichenden Standpunkten gehen? Am Ende kommt man dann doch zu Launs Diktum "Mit bestimmten Leuten zu streiten, ist wohl fruchtlos" - und da muss ich dem Herren wohl Recht geben, zumal zumeist adäquate und gleiche Bedingungen für einen entsprechenden Diskurs sehr schwer zu finden sind. Blogs sind zudem von ihrer ganzen Anlage her nicht ausgelegt, pluralistisch zu "bilden", sondern zumeist Meinungsschleudern, die bedingt durch die Akklamation ihrer jeweiligen Adeptenschar ausreichend legitimiert scheinen. Der "Clash of Civilisation" findet dadurch einfach nicht mehr statt, weil jeder die Türe geschlossen hat. Man braucht sie noch nicht einmal zu verriegeln; der Eintritt wird einem schon so vermiest. Hinzu kommt, dass vielen das Argumentieren längst zu mühselig geworden ist.

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  2. Sicherlich, der Zeitfaktor ist eine bedeutende Variabel. Auch hinsichtlich des Arguments, dass wir dazu neigen unser Umfeld grundsätzlich so zu gestalten, wie es uns gefällt gebe ich Ihnen recht.

    Das Problem bleibt dennoch eine Form intellektueller Inzucht(So wie Sie es ja auch beschreiben), in der sich die zu Zielgruppen verschmolzenen Meinungs- und Informationspools bilden, die bald nicht mehr in der Lage sind übergreifend zu Argumentieren, sondern nur noch in sich selbst bestätigenden Zirkeln. Was für eine Welt! Dazu fällt mir der Turmbau zu Babel ein (um im engeren Postsinne zu bleiben). Zudem verschärft sich ja auch der Wind gegenüber Sondermeinungen (oder Sonderhaltungen). Sie werden dies hinsichtlich der Libyendebatte sicher bestätigen können. Etc.

    Ich stand übrigens in meiner neuen Heimatstadt am Rande, als Herr Mappus einen letzten Versuch tat den Multiplikatoren seine Argumente mitzuteilen, kurz bevor es zu den Wahlurnen ging. Sehr lehrreich. Auch hinsichtlich der Art und Weise wie Wahlveranstaltungen so funktionieren.

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  3. Ich hatte bei den OB-Wahlen damals auch die SPD und die CDU-Veranstaltungen besucht. Erstere wg. Steinbrück und zweitere wg. Merkel. In der SPD-Veranstaltung ereiferte sich ein Zuschauer und griff Steinbrück verbal an. Der konterte durchaus schlagfertig.

    Ich bin nicht sicher, ob sich der Wind gegenüber abseitigen Standpunkten verschärft. Ich glaube, er wird nur wahrgenommen, sofern man sich aussetzt. 1972 bekam meine Mutter in einem Laden Hausverbot, weil sie einen "Willy wählen"-Button trug (in einer damals strammen CDU-Stadt.) Dieses Aussetzen ist durch das Netz einfacher geworden. Ich erinnere mich noch an den Fall, als Kohl Steffen Heitmann als Bundespräsident vorschlagen wollte. Das war 1993; das Internet in Deutschland weitgehend unbekannt. Der Protest entlud sich über die Leserbriefseiten in den Zeitungen. Es klappte übrigens auch - Heitmann verzichtete.

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  4. Kleines Nachwort:

    Ein guter Freund sagte mir ganz ähnliches, wie Sie. Es sei ehrenwert oder so ähnlich, sich auch mal mit abseitigem zu beschäftigen, aber letztlich Zeitverschwendung (dem Sinn nach und aus dem Gedächtnis wiedergegeben). Ich denke ich werde dem Rat folgen.

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